Es war nicht mehr als ein leichtes Ruckeln zu spüren, als der Regionalzug von München nach Hof kurz vor Freising am vergangenen Dienstag stehenblieb. Ein Bild sollte sich einprägen, das einer jungen, dunkel gekleideten Frau, der der schmale Rucksack immer wieder von der Schulter glitt. Ihre nervösen Hände nestelten hilflos an ihrem Handy, als sie leicht nach vorn gebeugt in Zugrichtung lief, innehielt, erneut zurückeilte, umkehrte, um doch wieder nach vorn zu laufen. Irgendwann gaben ihre zitternden Hände auf, eine Nummer zu wählen, gerade so, als wollten sie sagen: Es ist sinnlos. Bevor der Zugbegleiter durchgeben konnte, dass sich die Weiterfahrt des Zuges wegen Personenschadens verzögern sollte, hatten die ersten bereits ihre Handys gezückt: Ich komme später, hier hat sich einer vor den Zug geworfen. Die ersten Gaffer eilten herbei, niemand ahnte, woher sie so schnell kommen konnten, doch angeblich sei dies ein beliebter Ort für Suizide, hieß es rasch im Zugfunk. Kinder lugten um die Ecke, eine Polizistin in Uniform begann abzusperren. Ein paar schlaksige Kerle mit betont coolen Gesichtern drückten sich gelangweilt herum, Polizisten in Zivil. Wir wunderten uns… dürfen die schon arbeiten, so jung wie die aussehen? Mein Nachbar telefonierte wild durch die Gegend. Wie lange dauert das normalerweise, wenn einer unterm Zug liegt? Die Gaffer blockierten die Fenster, vor allem in der 1. Klasse kein Durchkommen. Wie ein Fußballspiel wurde die Spurensicherung kommentiert, das Einsammeln der Leichenteile, nach gefühlten 30 Minuten eilte die Feuerwehr durch die Abteile: Sind Sie ok? Brauchen Sie Hilfe? Der Zugführer stand einsam an der Seite, rauchte eine Zigarette nach der anderen, seinem Zugbegleiter versagte die Stimme, als er erneut die unbestimmte Weiterfahrt durchzusagen hatte. Die emotionslosen Sätze der Fahrgäste. Man kann in diese Menschen nicht hineinschauen. Meine Mutter hat sich erhängt. Ich habe kein Verständnis für solche Taten.
Die junge Frau hat inzwischen aufgehört zu laufen, ich kann sie nicht mehr sehen.
Ein Leben ist beendet, ein anderes vermutlich für immer verändert. Bis nach Regensburg, wo ich schließlich strandete, war eine Weiterfahrt wegen der stundenlangen Streckensperrung nicht mehr möglich, verfolgten mich die Sprüche. Ich habe kein Verständnis für solche Menschen. Damals, als es mir schlecht ging, nach meiner Scheidung, bin ich auch nicht vor die Bahn gesprungen, kommentierte ein Sicherheitsbeauftragter der DB den Tod des jungen Mannes.
Die Bahn zahlte ein Hotel. Mit Frühstück. So ist das, wenn man live dem Suizid begegnet. Eine von 10.000 Geschichten, die jedes Jahr in Deutschland geschehen. Der Personenschaden, der für Stunden den Regionalverkehr beeinflusst, mir persönlich aber einmal wieder die tiefe Leere vor Augen führte, die Menschen in diesen Momenten erleben, das Zittern der sprechenden Hände tief eingeprägt. Ich weiß, wie sich die Stille des Gehens anfühlt, wie ein Mensch diesen letzten Schritt spürt, und ich weiß, was es bedeutet, einen Menschen gehen zu sehen. Das Leben hält an und niemand weiß, ob es jemals wieder zum Laufen kommen wird. Ein lapidarer Satz, ich habe kein Verständnis, bleibt dabei der bitterste, das Unverständnis die härteste Tortur.
Die Frau läuft nicht mehr. Die Feuerwehr hat sie zwischenzeitlich gefunden.
Wie schwer wird es für sie sein, jemals wieder laufen zu können. Das Hotel ist schön, Regensburg eine Entdeckung, das Frühstück hoch über der Stadt ein Genuss. Aber ich weiß einfach nicht, ob ich selbst schon wieder zu laufen begonnen habe.